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Circular Economy und ein Berliner Coworking-Space setzen auf eine müllfreie Zukunft

Circular economy

Mitten im Berliner Viertel Neukölln steht ein Iglu. Klimawandel? Nicht ganz.

Beim genaueren Hinsehen handelt es sich um einen Coworking-Space, der nur aussieht wie ein Iglu. Die Fassade besteht aus recycelten Bauzäunen und alten Brauerei-Malzsäcken. „Letztere können wir der Brauerei zurückgeben, wenn wir sie irgendwann nicht mehr brauchen“, sagt Alice Grindhammer. Sie ist eins von drei Gründungsmitgliedern des CRCLR Hauses in Berlin, wo das Iglu steht. CRCLR bedeutet „Circular“ und spielt damit auf das Konzept der zirkulären Wirtschaft an: Alles, was im und um das CRCLR Haus geschieht, folgt dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft. „Müll soll ein Wort von gestern werden“, so Grindhammer.

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Die Besprechungsräume im CRCLR Haus sind upgecycelte Gewächshäuser. Mit freundlicher Genehmigung von Alexander Mercutio.

Die Gründerin arbeitete bis vor ein paar Jahren bei einem großen deutschen Entsorgungsunternehmen, wo brennende Müllberge noch heute zum Alltag gehören, wie sie erzählt. Diese Bilder bewegten sie zum Umdenken. „Wollen wir zukünftigen Generationen noch eine Chance auf diesem Planeten geben – denken wir an Klimawandel und Rohstoffknappheit –, müssen wir sorgfältiger mit unseren Ressourcen umgehen“, so Grindhammer. Denn Fakt ist: Jeder Deutsche erzeugt im Durchschnitt 1,6 Kilogramm Müll pro Tag. Europaweit werden Kleidungsstücke sogar nur sieben Mal getragen, bevor sie in die Tonne wandern. Hinzu kommt, dass die Weltbevölkerung in den kommenden Jahren dramatisch steigen wird – die meisten der Menschen wandern in die Städte. Das wird uns an die Grenzen treiben.

Ein Haus, das mit den Bedürfnissen wächst

Das CRCLR Haus soll ein Zeichen setzen und zeigen, wie sich die bevorstehenden Herausforderungen meistern lassen. Der Ansatz ist ebenso nachhaltig wie regenerativ: Die Fenster des CRCLR Hauses sind aus Altglasscheiben, die Abdichtungen aus Fahrradschläuchen, und die Besprechungsräume waren mal Gewächshäuser auf dem Brandenburger Land. Sie bieten – im wahrsten Sinne des Wortes – ein optimales Klima, in dem Ideen keimen, wachsen und gedeihen können. Statt Kleber werden im CRCLR Haus Steck- und Schraubverbindungen genutzt. Möbel kann man zerlegen, sodass sie später neu zusammengesetzt werden können. „Das Haus soll mit den Bedürfnissen wachsen oder auch schrumpfen. Es atmet regelrecht“, sagt Grindhammer.

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Die Fenster des CRCLR Hauses in Berlin-Neukölln bestehen aus Altglas, die Abdichtungen aus Fahrradschläuchen. Mit freundlicher Genehmigung von Alexander Mercutio.

Das Atmen lässt sich vor allem in diesem Jahr spüren – denn derzeit wird das CRCLR Haus, das ursprünglich die Lagerhalle der Berliner-Kindl-Brauerei war, um 2,5 Etagen erweitert. CRCLRs Schwesterunternehmen TRNSFRM geht als Baugenossenschaft und Bauherr des Projekts sogar soweit, dass Sanitäreinrichtungen auf der Baustelle im Bestand genutzt und Bauzäune gemietet werden, während Transportverpackungen für witterungsunempfindliche Materialien möglichst ohne Folie auskommen. Prinzipiell gilt, möglichst große Verpackungseinheiten zu wählen, um logistische Wege zu sparen.

„Zirkuläres Bauen“ im Fokus

Kein Wunder, dass das CRCLR Haus 2019 unter dem Motto „Zirkuläres Bauen“ steht. Das Team um Grindhammer wird sich in diesem Jahr vor allem mit der Frage beschäftigen, wie man im Bauprozess Ressourcen sparen kann. Denn der Bausektor zählt zu den ressourcen-intensivsten Branchen in Deutschland – er ist für mehr als 50 Prozent des gesamten Abfallaufkommens verantwortlich. Sparpotenzial gibt es hier also allemal. Zum Beispiel mit Hilfe von automatisierten Prozessen und Building Information Modeling (BIM). Denn wenn wir alle Beteiligten und sämtliche Daten einer Baustelle vernetzen, lassen sich Zeit, Geld und vor allem Ressourcen sparen. Auch für das Wiederverwenden von gebrauchten Materialien ist BIM ein Geschenk. „Wir wissen viel zu wenig über gebrauchte, zusammengefügte Materialien, da von Bestandsgebäuden oft keine Informationen vorliegen. Da kommen wir um aufwendige Analysen meist nicht herum“, betont Grindhammer. Mit BIM wären die Daten schon hinterlegt, sodass ein Upcyceln von Materialien oder das Erweitern von Gebäuden viel leichter wäre.

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Simon Lee, Alice Grindhammer und Laurence Pagni (v. l. n. r.) gründeten das CRCLR Haus in Berlin und haben damit dem Begriff „Circular Economy“ ein Denkmal gesetzt. Mit freundlicher Genehmigung von Constanze Flamme.

Den Bauprozess im CRCLR Haus verstehen Grindhammer und ihr Team als eine Art Lernreise, die sie später gerne teilen wollen. Deswegen werden die Erfahrungen aus dem Projekt als Open-Source-Datei öffentlich gemacht – um das Wissen zu Circular Economy regelrecht „zirkulieren“ zu lassen.

Die Geschäftsführer Alice Grindhammer und Simon Lee sprachen auf der re:publica 2018 über das CRCLR Haus und ihre Vision einer müllfreien Zukunft.

Über den Autor

Friederike Voigt ist studierte Journalistin sowie Kunsthistorikerin. Während ihres Studiums erhielt sie ein journalistisches Stipendium und arbeitete bereits für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wie das Cicero Magazin sowie die Deutsche Presse-Agentur. Ihre Studienschwerpunkte Kommunikation und Kultur verwirklichte Friederike als Redakteurin bei Callwey, einer der führenden deutschen Architektur-Verlage. Heute ist Friederike als Brand Content Lead für Autodesk tätig, wo sie den Content Marketing Blog Redshift für die europäischen Länder verantwortet sowie Themen aus Architektur und Design cross-medial umsetzt.

Profile Photo of Friederike Voigt - DE